In der komplexen Chirurgie – etwa bei Eingriffen an Bauchspeicheldrüse, Speiseröhre, Leber oder Aorta – lassen sich Komplikationen wie undichte Nähte, Nachblutungen oder Sepsis selbst bei höchster chirurgisch-technischer Präzision nicht vollständig vermeiden. „Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob Patientinnen und Patienten an diesen Komplikationen versterben oder ob sie gerettet werden“, sagt Bruns. Genau darüber gibt die sogenannte Failure-to-Rescue-Rate (FTR) Auskunft: Der englische Begriff steht für „Rettungsversagen“ und beschreibt die Sterblichkeit nach Komplikationen. Liegt die FTR-Rate niedrig, beweist eine Klinik die Fähigkeit, Komplikationen rechtzeitig zu erkennen und zu beherrschen. Die FTR-Rate wird meist in Prozent angegeben.
Sensibler Gradmesser für die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems
Gelingt die Rettung nicht, beruht das Scheitern meist auf einem kritischen Zusammenspiel aus verzögertem Erkennen von Komplikationen, personellen Engpässen und fehlender Infrastruktur für Notfallinterventionen. „Damit ist die FTR-Rate ein sensibler Gradmesser für Ausstattung und Organisationsgrad einer Klinik, eine Chiffre für die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems“, sagt die Direktorin der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Transplantationschirurgie an der Uniklinik Köln. Eine hohe FTR kann auf Schwächen hinweisen bei Pflegebesetzung, Intensivkapazitäten, Überwachung, Eskalationsprozessen, ärztlicher Verfügbarkeit und interprofessioneller Zusammenarbeit. „Die FTR-Rate wird international als einer der wichtigsten Qualitätsindikatoren für die medizinische Versorgung in Kliniken betrachtet“, so Bruns.
Umfassende Qualitätsoffensive zugunsten der Zentrumsbildung
Die DGCH fordert daher, dass Kliniken ihre FTR-Raten für komplexe Eingriffe künftig verbindlich in den Qualitätsberichten ausweisen müssen. „Das erleichtert die Krankenhauswahl und ist ein starker Beitrag zur Patientensicherheit“, betont Professor Dr. med. Schmitz-Rixen, Generalsekretär der DGCH. Die Maßnahme würde zugleich die Konzentration komplexer chirurgischer Eingriffe in Hochleistungszentren fördern, wie von der Krankenhausstrukturreform vorgesehen. „Untersuchungen zeigen, dass spezialisierte Krebszentren signifikant niedrigere FTR-Raten haben“, erläutert DGCH-Präsident Professor Dr. med. Jens Werner. Damit einhergehend sollten im Sinne der Qualitätssteigerung auch Mindestmengenregelungen weiter ausgebaut werden. So belegen Krankenkassendaten, dass die Anhebungen der Mindestmengen für Operationen bei Speiseröhren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs zu einer messbaren Verdichtung dieser Eingriffe an High-Volume-Einrichtungen geführt haben.
Internationaler Trend zu standardisierten Alarmierungsprozessen
„Das Konzept des Failure-to-Rescue ist insgesamt ein wichtiger Schritt zum Aufbau einer resilienten Sicherheitskultur in Kliniken“, resümiert Bruns. Und gewinnt immer mehr an Bedeutung: KI-Frühwarnsysteme und Rapid-Response-Teams werden international als nächste Entwicklungsstufen gesehen, um die FTR-Rate weiter zu senken – sogar bis in die Zeit nach der Krankenhausentlassung.
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